Pedro und die Schönheit der Muscheln

Pedro und die Schönheit der Muscheln

Mutig und furchtlos: So kam er im lässigen Schritt angetrottet. Seine Schritte hörte man nicht. Der Sand knirschte zu leise und zu sanft unter seinen Füßen. Also nutzte Pedro seine Stimme, um sich selbst bei allen anzukündigen. Er begann zu singen.
In seiner schwarzen Jogginghose kombiniert mit einem dunklen Oberteil, das von glitzernden Pailletten geprägt war, sah er ohnehin auch optisch schon aus wie ein kleiner Superstar. Dazu kam seine Sonnenbrille, die er als passendes Künstleraccessoire geschickt zwischen seinen Fingern umhertanzen ließ. Ja, so zog er die Blicke auf sich und genoss sie sichtlich.
„Schaut nur her, was ich so kann.“, das schien er seinem Publikum mitteilen zu wollen. Frei nach diesem Motto stolzierte er mit der ganzen Coolness, die er transportieren konnte den Strand entlang.

Doch in einem kleinen unachtsamen Moment fiel Pedro aus seiner Rolle. Da kam das Kind in ihm zum Vorschein. Ganz unerwartet ließ er seinen Gesang verstummen, bückte sich nach unten und hob ein paar Muscheln und Steinchen auf. Sie hatten seine Aufmerksamkeit erhascht. Von ganz unten auf dem Boden. Unscheinbar, still und klein zogen sie ihn in ihren Bann. Er konnte seinen Blick nicht von ihnen lassen, musste sie aufheben, sie in den Händen halten, sie drehen und begutachten, ihre Oberfläche ertasten und ihre faszinierenden Farbverläufe wahrnehmen.

In diesem Moment realisierte Pedro zum ersten Mal in seinen jungen Jahren, dass er nicht unbedingt laut und schrill sein muss, um gesehen zu werden.

Denn was tun diese kleinen Muscheln zwischen Tausenden von anderen Muscheln schon, um aufzufallen? Wie laut können zierliche Steine schon sein, um sich zwischen ihresgleichen aus der Masse hervorzuheben? So viele Möglichkeiten haben sie ja nicht. Sie können sich nicht anders anziehen; sie können sich von alleine nicht mal an einen anderen Ort schleifen. Sie können sich nur selbst akzeptieren und annehmen, wie sie nun einmal sind. Sie können nichts, rein gar nichts tun, um in irgendjemandes Augen besser dazustehen.

„Wieso habe ich aufgehört, Blicke auf mich selbst ziehen zu wollen, nur um die paar Steinchen und Muscheln anzusehen?“, fragte Pedro sich und empfand es auf einmal viel weniger schlimm, nicht im Mittelpunkt zu stehen und seinen Platz an diese unscheinbaren Winzigkeiten abgegeben zu haben. Er verstand, dass er seine Maske nicht in jedem Moment braucht.

Wenn sogar Muscheln auch ohne Masken, ohne großen Auftritt und in ihrer ganzen Natürlichkeit von ihm als „Meister einer guten Show“ gesehen werden, vielleicht könnten sie ihm dann ein Vorbild dafür sein, auch etwas mehr er selbst zu sein.

Musik und Poesie im Garten

Musik und Poesie im Garten

Dieser Moment, wenn du in einen wunderschön gestalteten Garten kommst, der dich extra für dieses Event mit einer absoluten Wohlfühlatmosphäre willkommen heißt. Wo es nach Flammkuchen riecht und fruchtiger Lillet dem Gaumen schmeichelt, wo hübsche Garnituren einen Platz für dich bereiten und du ankommen kannst.

Dann entdeckst du die Musiker, die noch an den letzten Feinheiten schleifen und merkst schon jetzt, dass das ein besonderer Nachmittag werden wird.

Du suchst dir deinen persönlichen Lieblingsplatz aus, dort wo du der Musik besonders gut lauschen und die Künstler richtig sehen kannst.

Kurze Zeit später ist der Soundcheck vorbei und der Büchertisch aufgebaut, damit es endlich losgehen kann.

Mit einem leichten Kribbeln im Bauch setzt du dich auf den Barhocker, während das Mikrophon vor dir aufgebaut wird. Alle technischen Utensilien, die dich in diesem Moment umgeben, sind ganz in der Nähe des schützenden Balkons aufgebaut. Regenschirme stehen bereit, denn es könnte ja und vorbereitet sollte man sein.

Da sitzt du nun mit deinem Buch in der Hand und schaust den gespannten Besuchern entgegen. Du erklärst warum du dieses Buchprojekt ins Leben gerufen hast, was es dir gebracht hat und anderen bringen soll, welche Herausforderungen es im Projektablauf gab und wieviel Kreativität aus Hohenlohe in diesem Buch versteckt ist.

„Stille Poeten“, wie Julia Engelmann sie nennt, sind die Besonderheit, die „Gemeinsam durch Ebbe und Flut“ zu dem machen, was es ist: Eine kleine Schatztruhe, mit verschiedenen kreativen Kostbarkeiten direkt aus dem Herzen Hohenlohes. Zum Sammeln und Verschenken, zum Nachdenken und Mitmachen.

Beispielhaft liest du deine Texte aus dem Buch vor.

Wichtig dabei ist, dass du vorher in deinen Text abtauchst, statt in die Menge, die vor dir sitzt. Fühl deinen Text, warum du ihn geschrieben hast, was er erzählt und erst dann liest du ihn vor. Das Publikum muss eigentlich ein bisschen egal sein in diesem Moment. Du willst ja gerade nicht sie fühlen, sondern deinen Text, dein Poetry, deine Kurzgeschichte.

Bleib bei dem, was du geschrieben hast: Bei der Person, von der du erzählst, der Idee, die du hattest, deinem Leben, das sich vielleicht in manchen Texten spiegelt.

Deine Stimme wird folgen, deine Pausen werden richtig sitzen, du wirst entspannter und die Aufmerksamkeit der Besucher wird auf die Worte gezogen. Vielleicht bemerkst du dann auch hin und wieder ein Lächeln auf einem Gesicht oder wie ein paar Tränen in manche Augen steigen.

Man sagt, dass es Techniken für das richtige Vorlesen gibt, ich sage: Sei in deinem Text, wie als würdest du ihn gerade erst schreiben. Du kannst eine Menge Techniken kennen und trotzdem niemanden erreichen. Sie sind immer eine gute Stütze, aber gerade wenn du selbst deinen Text fühlst und ihn dadurch lebendig machst, kann er auch für deine Zuhörer lebendig werden.

Hast du deinen Text gelesen, setzt das Keyboard ein. Der Musiker nimmt die Stimmung des Textes auf und erzählt die Geschichte mit den passenden Klängen weiter. Du hast Zeit gedanklich deinen Text abzuschließen und dich auf deinen neuen vorzubereiten. Die Besucher haben Zeit, die Worte sacken zu lassen, sie für sich mitzunehmen oder sie ad acta zu legen, wenn sie für sie selbst nicht passen. Das gibt Raum und nimmt viel Druck aus der Sache.

So wechselst du dich lesend und vortragend mit dem Pianospieler ab bis dein Textblock abgeschlossen ist.

Pause. Zeit für einen Snack, für ein Getränk, zum Reden und Nachdenken.

Der Musikblock startet und die Musiker tragen ihre Stücke vor. Wohltuende Klänge vermischen sich mit lebendigen Beats und einer begeisternden Stimme, die poetische Worte im Gesang erklingen lässt. Zum Auflockern und Genießen, zum Mitschwingen und Feiern.

Es macht dir Spaß zuzuhören, weil sich begabte Menschen in der Musik verlieren und gleichzeitig finden. Weil sie ihre Freude und ihre Leidenschaft weitergeben, statt sie für sich selbst zu behalten.

Und trotz des einsetzenden Regens wird weiter vorgelesen, weiter gesungen, weiter zugehört. Bockstark findest du das.

So bist du Teil eines feinen Gartenevents, in dem Musik und Poesie im Wechsel aufeinandertreffen, sich gegenseitig tragen und zusammen zu einer kunstvollen Einheit werden.

So ging es zumindest mir mit euch allen im Garten. Deswegen möchte ich an dieser Stelle „Danke“ sagen für diese tolle Idee, den musikalischen Mehrwert, der meine Texte bereichert hat, die ganze Organisation und alle helfenden Hände, die das möglich gemacht haben.

Ihr seid super und es hat mir total viel Spaß mit euch allen gemacht!

Peter Kohlmann’s Rolex – Teil 2 der Kurzgeschichte

Peter Kohlmann’s Rolex – Teil 2 der Kurzgeschichte

Der erste Teil der Kurzgeschichte lautet “Peter Kohlmann’s Welt”. Du findest ihn hier.

Peter Kohlmann und der Geier

„Danielle, wirklich, mir ist nicht nach Scherzen zumute oder nach verträumten Kinderwelten, die nicht existieren. Ich MUSS in JEDER Welt schnell sein und dazu brauche ich – verflixt nochmal – eine funktionierende Uhr! Du bist echt noch klein, das verstehst du noch nicht. Lass uns die Uhr jetzt gleich zum Uhrmacher bringen.“

„Die Uhr geht doch. Sie tickt, hörst du das nicht?“

„Natürlich macht sie irgendwelche Geräusche, aber sie läuft rückwärts. So verpasse ich jedes einzelne Meeting, weil ich nicht schnell genug dort bin!“

Danielle bricht in kindliches Gelächter aus, nicht in ein urteilendes oder abwertendes, sondern in ein ansteckendes, fröhliches Gekicher.

„Was gibt’s da zu lachen?!“, fragt Peter entrüstet. „Hier geht’s um eine Menge Verantwortung!“

„Ja, das glaube ich dir. Bei einem so hohen Bürogebäude ist es immer wichtig, dass es nicht umfällt – irgendwie ein bisschen wie bei einem Jenga-Turm.“

Bevor Peter empört einen Kommentar dazu abgeben kann, wie Danielle überhaupt darauf kommt, seine Firma mit Spielzeug zu vergleichen, fügt sie noch hinzu:

„Aber die Uhr geht ja jetzt falsch rum. Und du muss jetzt nicht, wie jeden Tag, deiner Zeit nachrennen, um schneller als sie zu sein, nur weil du mehr von ihr haben willst. Die Zeit macht doch jetzt extra langsamer, wie die Schnecke da unten. Jetzt kannst du volle langsam machen.“

Wieder lacht Danielle vor Entzückung.

„Du bist echt sooooo schlecht mit dieser Langsam-Sache, aber Rennen bringt halt grad Null. Dafür können wir jetzt richtig lang hier draußen bleiben und meine Freunde besuchen. Juhuuu!“

Als hätte Peter auf einmal jedes Meeting vergessen, springt er sofort auf ihre Provokation an:

„Forderst du mich gerade heraus? Ok, kannst du haben: Ich werde auch im langsamen Modus besser als andere sein, wenn nicht gar der Beste.“

Während die beiden vom Schotterweg auf den Wandertrail im Wald abbiegen, reiht Peter weiter einen sich selbst beschreibenden Superlativ an den anderen. Danielle hört ihm dabei interessiert und belustigt zu und fragt sich, ob er einfach nur nicht begreift, um was es geht oder ob er sich mit seinem Kampf gegen irgendwelche Konkurrenten, die für Danielle wohl unsichtbar zu sein scheinen, einfach nur selbst beruhigt. Wenn schon die heilige Rolex nicht so läuft, wie sie laufen müsste.

Plötzlich ertönt ein gellender, schriller Schrei aus den Baumwipfeln über ihnen.

„Pah, du und dein -er!“

Die beiden zucken zusammen, während die Baumkronen von einem lauten Rascheln durchzogen werden. Schnell klammert Danielle sich an Peters Bein.

„Was ist das?!, fragt sie mit zitternder Stimme.

„Du kennst dich doch hier aus, dachte ich!“, fährt Peter sie an, während er beinah über seine umklammerten Beine stolpert.

Ein mächtiger Schatten mit großen Schwingen gleitet aus den Bäumen über die Wiese am Hang, macht eine elegante Drehung und fliegt anschließend direkt auf sie zu.

„Ja, aber meine Freunde hier sind alle klein und nicht so laut. Ich glaub der will zu dir.“

Als hätte Danielle es geahnt, landet der große Geier auf einem Ast in Peters Nähe, direkt auf Augenhöhe. Wieder stößt er einen gellenden Schrei aus:

„Du hast ein -er Problem, Peter!“

„Und du hast ein Orientierungsproblem, man! Hast dich wohl verflogen?!“

Danielle kneift ihren Patenonkel ins Knie.

„Du bist draußen in der Natur, nicht im Büro; sei bloß nett!“, flüstert sie ihm so scharf sie kann zu.

Majestätisch breitet der Geier seine Flügel aus.

„Ich bin in jede Richtung größer als du, zeig Respekt oder du lernst von mir schneller zu rennen als jemals zuvor. Hast du darauf wirklich Lust?“

Danielle wirft einen flehenden Blick nach oben in Peters Richtung. Er hatte die Situation aber auch ohne dieses Signal bereits umfänglich erfasst, so dachte er zumindest.

„Nein.“

„Gut, dann reden jetzt wir Großen. Ich bin hier, weil Danielle für dich zu wenig Bescheid weiß, so als Zwergin, und du der Große bist, der deswegen immer richtig liegt. Nach deinem Verständnis bin ich jetzt allwissend, weil ich riesig bin. Also reden wir.“

Da prustet Peter los und kann sich kaum auf den Beinen halten.

„Du bist ein Vogel, was willst du mir schon groß erzählen?“

„Das ist doch dein Lebensstil, nicht meiner. Du glaubst doch an größer = besser. Du musst mir zuhören, sonst verrätst du dich selbst.“

„Touché.“, bekräftigt Danielle hochachtungsvoll, während Peter langsam begreift, dass er es hier nicht mit einem Dummkopf zu tun hat.

„Also, dein -er ist gegen deine Natur.“

„Was meinst du damit?“

„Dein Leben dreht sich vor allem um dünnER, schnellER, bessER, größER, weitER, schönER. Egal, um was es geht. Das ist gegen die Natur.“

„Quatsch! Das ist hier draußen doch genauso. Wenn man nicht schneller oder größer ist, wird man gefressen statt zu fressen. Schau dir doch mal die Raubtiere an; das ganze Ökosystem käme durcheinander, wenn sie nicht besser wären als andere Tiere und nicht entsprechend handelten.“

„Da hast du recht. Das ist ihr tierischer Instinkt und ein gewisses Maß an Wettbewerb ist sicherlich auch nicht zu verachten. Hast du denn schon einmal einem Raubtier beim Jagen zugesehen?“

„Ja, mir. War geil.“, lacht Peter.

Da hat der Geier die Faxen dicke, stößt einen Pfiff aus und ist innerhalb von Sekunden von einem Schwarm anderer Geier umringt, die Peter packen und nach oben zerren, während Danielle entgeistert zurückbleibt.

„Wir bringen ihn wieder. Warte dort vorne an der großen Eiche.“, hört sie sie noch rufen.

„Spinnt ihr?! Lasst mich runter!“

„Oh, gut gebrüllt, Löwe,“, kichert der Geier, „aber das willst du nicht wirklich. Wir zeigen dir jetzt erst einmal wie ein ECHTES Raubtier jagt.“

Nach einigen weiteren Flügelschlägen ist unter ihnen eine Herde Gazellen zu erkennen, hungrig am Grasen. Alles scheint ruhig, friedlich zu sein, als könnte die Stimmung nicht paradiesischer sein. Flatternd halten sich die Überflieger in der Nähe der Herde auf und weisen Peter an, genau aufzupassen. Kaum ausgesprochen, stößt aus dem Dickicht ein Gepard hervor, das schnellste Landsäugetier der Welt.

„Schau, dein Vorbild. Jagen im Highspeed. Schau genau hin.“

Mit sagenhafter Eleganz sprintet der Gepard auf seine Beute zu, sein langer Schwanz hält ihn in den Kurven in Balance, lässt seine Bewegungen kraftvoll und geschmeidig aussehen. In Windeseile hat er ein Tier von der Herde abgespalten, bringt es aus der Fassung, treibt es vor sich her, bis es stolpert. Mit einem gewaltigen Satz springt er die Gazelle an. Seine Krallen bohren sich tief in ihre Flanke; dann verpasst er ihr den tödlichen Biss in die Kehle.

„Ein Meister seines Fachs.“, jubelt Peter. „Im metaphorischen Sinne mache ich das so wie der. Also ist bei mir alles richtig. Es gibt nichts mehr zu lernen für mich“

„Schau zu!“, befiehlt der Geier, „Es ist noch nicht vorbei.“

Der Gepard schleift seine Beute zu einer Höhle, in deren Nähe drei kleine Gepardenbabies tapsig ihre ersten Schritte wagen. Heute gibt es zum ersten Mal Fleisch für die Kleinen. Schmatzend fangen sie an, ihr Mittagessen zu beschnuppern, abzulecken und anzuknabbern. Der große Gepard wartet währenddessen, schaut zu, ruht sich aus und hält Wache. Erst nachdem die Kleinen satt sind, fängt der ältere Gepard an zu fressen und nachdem sein Hunger gestillt ist, ruht sich die Familie aus, spielt und geht auf Entdeckungstour.

Erst jetzt beendet der Trupp Geier seine auf einer Stelle rüttelnde Art des Fliegens und gleitet mit Peter zurück zu Danielle. Unter der großen, schattigen Eiche setzen sie ihn neben seiner Patentochter ab und fliegen so schnell davon wie sie gekommen waren.

„Das war jetzt nicht mehr so spannend.“, meckert Peter und versucht die Löcher in seinem Anzug mit reiner Willenskraft zu schließen.

„Das war der wichtigere Teil.“, schüttelt der Geier verständnislos den Kopf.

„Peter, Peter, was hast du gelernt, was hast du gesehen? Ich freu mich so, dich wieder bei mir zu haben.“ Danielle hüpft aufgeregt von einem Bein auf das andere.

„Er hat gelernt wie man jagt.“

„Naja, eigentlich habe ich vor allem gemerkt, dass ich schon längst richtig jage.“

„Falsch! Ein Gepard wird satt und hört dann auf mit der Jagd nach -er. Das bedeutet es, ein Raubtier zu sein. Auch seine Familie zu versorgen und den Erfolg zu teilen, gehören dazu. Du aber, Peter, hast dich in deinem -er verloren. Du wirst einfach nicht satt. Das ist kein Jagen im Sinne deiner Natur.“

„In der Natur gibt es aber auch Jagende im Blutrausch!!!“

„Die sind fehlgeleitet, sie töten mehr als sie fressen und vertragen können. Unnötig, wie bei dir. Du feierst nicht den Erfolg oder einen Sieg oder ein Talent oder eine Begabung oder deine Existenz an sich, du feierst den Vergleich mit jemand anderem.“

„Jetzt hab ich aber genug von dir, du schäbiges Federvieh!“

Peter beginnt Steine nach dem Geier zu werfen und ihn mit allen Kraftausdrücken zu beschimpfen, die ihm gerade in den Sinn kommen. Mit seinen mächtigen Schwingen erhebt dieser sich und lacht:

„Was ist los, Raubtier? Bist du in einen Dorn getreten? Tut dir dein Pränkchen weh?“

Und so verschwindet der Geier mit wenigen Flügelschlägen in luftigen Höhen, bis er nicht mehr zu erkennen ist.

„Peter?“, flüstert Danielle, „der Geier ist größer und mächtiger als du.“

„Ja, und?!“, raunzt Peter.

„Er hat recht.“

„Danielle, ich bitte dich. Er ist ein Vogel. Auf wessen Seite stehst du eigentlich?!“

„Schau doch mal hin. Dir reicht es nicht, groß zu sein. Du fühlst dich erst gut, wenn du größER bist…als ich zum Beispiel. Du willst nicht schnell sein, denn das reicht ja nicht. Erst wenn du schnellER bist, bist du ok. Wenn du langsamER bist, bist du ein Loser, deswegen machst du noch schnellER. Dein Erfolg geht nur im Vergleich zu anderen. Deswegen wirst du auch niiiieeeeee satt, weil es irgendwo immer jemanden mit noch mehr -er-er-er gibt. Er hat recht.“

„Kein Mensch mag Klugscheißer, Danielle.“, weicht Peter demonstrativ aus.

„Ja, deswegen hörst du dem Geier ja auch nicht zu.“

„Weil er ein Klugscheißer ist.“

„Nein, weil du ein Klugscheißer bist.“

„Hahahaha, ihr seid ja süß.“, der Wildrosenstrauch am Wegesrand beginnt sich vor lauter Gelächter zu rütteln und zu schütteln. Dann streckt er seine Wurzeln in ihre Richtung und umschlingt ihre Arme. Er zieht sie ganz nah zu sich und umrankt die beiden so sehr, dass sie eins mit ihm werden und nicht mehr von ihm loskommen. Bedrohlich nahe kommen ihnen die spitzen Dornen, aber auch die verführerisch duftenden Rosen. Am liebsten würden sie flüchten, aber irgendwie möchten sie auch bleiben und so hängen sie fest, gefangen und beinah zerrissen in diesem Wirrwarr aus Wurzeln, Zweigen, Dornen und Blüten.

-Fortsetzung folgt.

Wie geht es weiter mit Peter und Danielle?

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Sommerferienkurs: Mein Tagebuch ganz anders – Zusammen schreibt es sich besser als allein

Sommerferienkurs: Mein Tagebuch ganz anders – Zusammen schreibt es sich besser als allein

Ja, das war ein spannender Vormittag. Ein Vormittag mit geteilten Erlebnissen, witzigen Erzählungen und kreativer Energie.

Es war faszinierend, wie man schon bei den Kleinen so manchen interessanten Charakterzug erkennen konnte und wie dieser sie im Prozess unterstützte oder hinderte.

Letztlich ging es aber darum, zu verstehen, dass man auf spielerische und ungezwungene Art auch zusammen mit anderen die Seiten (s)eines Tagebuchs füllen kann.

Dazu muss man seine Erlebnisse einfach teilen und andere an der Gestaltung von Sätzen oder Worten teilhaben lassen.

Kinder können ja auch ihre Süßigkeiten oder ihr Pausenbrot miteinander teilen und genau so lassen sich auch Erzählungen miteinander teilen, die dadurch verbindend wirken.

Auf einmal werden da Ich-Erlebnisse zu Wir-Erfahrungen und man erzählt nicht mehr nur von seinen eigenen tollen Entdeckungen, sondern macht daraus gemeinsame Alltagsabenteuer.

Und dann faltet man Papier, malt Bilder oder zerknüllt seine mühevoll kreierten Sätze, um sie anschließend wieder zu entknittern und voller Stolz ins Tagebuch zu kleben.

Der wichtigste Lerneffekt im Schreibkurs

Der größte Lerneffekt, den wir gemeinsam hatten, hatte aber gar nichts mit dem Tagebuch an sich am Hut, sondern mit dem Equipment, das nicht so funktionierte, wie wir es gebraucht hätten.

Wir überlegten und probierten aus, solange bis die Kinder selbst eine Lösung fanden, um das Material doch noch benutzen zu können.

Und wieder einmal habe ich von Kindern und ihrer kreativen Art gelernt und ich finde, dass diese Kids sich definitiv über ihre kleine Problemlösung freuen können:

Was tun, wenn einem die eigene Kreation nicht gefällt?

  1. Wenn es nicht so schön aussieht und es dir einfach nicht gefällt, dann nimm einen Stempel und stemple einfach drüber.
  2. Wenn es kein Stempelkissen gibt, dann einfach die Kontur des Stempels mit schwarzer Wachsmalfarbe ganz feste anmalen.
  3. Dann damit stempeln und mit aller Kraft auf das Papier drücken.
  4. Am besten anschließend die Konturen auf dem Papier mit einem dünnen Stift noch etwas nachziehen.
  5. Die Zwischenräume ausmalen.
  6. Jetzt sieht es wieder schön aus und alles ist gut.
Postkarte: Ubuntu

Postkarte: Ubuntu

Gedicht: Ubuntu

„Ubuntu.“, sagte sie
und nahm meine rechte Hand.
„Ubuntu.“, sagte er
und sorgte dafür, dass meine linke Hand
in seiner rechten verschwand.
„Ubuntu“, sage ich,
weil ich durch eure Hand
den Weg zu mir selber fand.
„Ubuntu.“, sagen wir,
weil wir mit leeren Händen
keine Liebe empfänden.

Der Begriff „Ubuntu“ bezeichnet eine südafrikanische Lebensphilosophie, die wir sehr interessant finden und als ziemlich wegweisend erachten – gerade in den aktuellen, turbulenten Zeiten.

Deswegen haben wir uns bei dieser Karte und den zugehörigen Sets ganz bewusst für dieses Thema entschieden.

Was bedeutet Ubuntu?

„Ubuntu“ kommt aus den Bantusprachen und bedeutet auf Zulu und Xhosa so viel wie: Menschlichkeit oder Nähe und beschreibt den Sinn der Gemeinschaft.

Wer nach dieser Weltanschauung lebt, versteht sich als Individuum, das seine Freiheit und Selbstverwirklichung in der Verbindung mit anderen findet. Gleichzeitig weiß das Kollektiv, dass es nur durch einzelne, sich entfaltende Individuen stark sein kann. Deswegen hilft die Gemeinschaft dem Einzelnen auf seinem Weg hin zur Gestaltung seiner Selbst, was wiederum dem Gemeinwohl dient.

Denn  jeder Mensch, der sich entfaltet, gibt der Gesellschaft aus dem Ubuntu-Blick auch etwas zurück.

Stell dir einmal eine Waage vor und wirf deinen Wunsch nach Freiheit und Selbstverwirklichung in eine der beiden Schalen. In die andere Schale legst du dann das Gemeinwohl und das Füreinander-Da-Sein.

Was passiert dann mit deiner persönlichen Waage? Was wiegt mehr? Was ist wichtiger?

Bei Menschen, die nach Ubuntu leben, ist die Waage ausgeglichen, beide Seiten sind gleichwertig und gleichrangig.

Was bringt Ubuntu?

Wir feiern diese Art der Weltanschauung, weil sie wie ein Gegenpol zum wettbewerbsorientierten und kapitalistischen System und zu unseren hochliberalen Einstellungen wirkt, in denen wir ständig die Ellbogen ausfahren müssen. Unsere Leistungsgesellschaft prägt uns dahingehend, dass wir permanent auf das Tun anderer schielen und uns mit allem und jedem vergleichen. Dadurch beginnen wir mit unserem Gegenüber zu konkurrieren. Jedes Individuum wird sich vor allem selbst zum Nächsten. Und damit ist in unseren Breitengraden auch jeder natürlich primär für sich selbst verantwortlich, unabhängig davon was das daraus resultierende Handeln gegebenenfalls für Auswirkungen auf andere hat.

Gleichzeitig lässt sich Ubuntu aber auch nicht mit Systemen und Überzeugungen vergleichen, in denen das Wohl der Gemeinschaft über dem Wohl und der Freiheit des Einzelnen steht.

Ubuntu ist anders

Nach Ubuntu laufen wir zusammen und nebeneinander, ohne schneller und besser sein zu müssen, weil wir ganzheitlich betrachtet nämlich keine separaten Inseln oder allein umherschwebende Seifenblasen, sondern miteinander verbunden sind.

Auch Nelson Mandela band die fürsorgliche Ubuntu-Weltsicht in seine Politik ein: Man versteht das Gegenüber ein bisschen wie einen Teil seines eigenen Körpers. Man möchte nicht, dass ein Teil Schaden nimmt, weil dies dem ganzen Organismus schaden würde, deswegen behandelt man ihn achtsam. So wird Ubuntu im Blick auf die Gesellschaft, das Miteinander und die Umwelt gelebt.

In der Ubuntu-Philosophie freut man sich füreinander oder hilft einander, statt anderen den Weg zu erschweren. Schließlich ist jedes Individuum ein wichtiger Teil des Ganzen, in dem alle einen Platz haben. Und dieses Ganze stärkt im Umkehrschluss den Einzelnen. Frei nach dem Motto:

„Wenn ich dich als Gegner, mir unter- oder überstellt, betrachte, schade ich mir selbst.
Mein Handeln geht immer über mich selbst hinaus und hat Auswirkungen auf andere.
Selbst wenn ich einer Biene schade, schade ich mir selbst, weil sie wie ich Teil des Ganzen ist, das mich stärkt.“

Ubuntu betrachtet jeden Beitrag zur Gemeinschaft als wichtig, unabhängig davon, ob man eine Hausfrau ist, von der Kanzel predigt, bei der Müllabfuhr arbeitet, die Geschäftsführung innehat oder Staaten lenkt. Status und Titel zählen in der Waagschale nicht mehr, weil der Beitrag aller gleichwertig ist.

Ist das nicht horizonterweiternd und befreiend? Irgendwie klingt das sehr schön.

Postkarte: Ubuntu

Ach, wir wünschen uns noch viel mehr von diesem Ubuntu-Verständnis für uns alle. Gerade in diesen stürmischen Zeiten. Mitten in Existenznöte, Krieg, Leid, Krankheiten und Krisen hinein.

Deswegen haben wir uns zusammengetan – herzensvoll & Werk.Schätzend – um diese Karte zu entwerfen. Wenn du möchtest, dann verteil auch ein bisschen Ubuntu in deiner Gegend.

In diesen Sets ist die Postkarte bei Werk.Schätzend im Shop erhältlich: