Was sagt eigentlich ein Kaiserpinguin zu unserem Krisenmanagement?

„Ehrlich gesagt, verstehe ich nicht, was ihr da die ganze Zeit veranstaltet. Über alles müsst ihr euch den Mund zerreden, euch streiten und diskutieren. Ständig müsst ihr euch beweisen, wer die bessere Meinung oder das richtige Verständnis hat. Seht ihr euch überhaupt? Kennt ihr die Menschen aus eurem Volk wirklich?

Ihr erinnert mich manchmal an das Verhalten unserer Artgenossen in milderen Gefilden. Pfaue tendieren auch zum Aufplustern und zum Zeigen ihres Gefieders. Stolz und bunt zeigen sie gerne, was sie haben, wissen und können. Ihr seid diesen bunten Zeitgenossen ab und zu ein bisschen ähnlich. Da geht euer Volk durch eine Krise nach der anderen und ihr seid vor allem damit beschäftigt, euch mit euren Meinungen darzustellen und alle anzugehen, abzuwerten oder bekehren zu wollen, die anders denken. Ich habe mich deswegen schon öfter gefragt, wie eure Spezies harte Zeiten überlebt, denn dieses Krisenmanagement wirkt für mich als Kaiserpinguin wirklich sehr abstrus. Ihr habt so viele Mittel, so viel abzugeben, so viele Möglichkeiten, etwas zu tun und doch vergeudet ihr eure Zeit mit sinnfreiem, lieblosem Gerede darüber, wer die Welt besser versteht und welcher Lifestyle wohl der richtige ist.

Ehrlich gesagt, haben wir Kaiserpinguine für solches Geschnatter nie wirklich Zeit, wenn uns der Eiswind heimsucht und die Minusgrade unser Volk an den Rand der Existenz bringen. Wir haben einfach keine Zeit für Grundsatzdiskussionen, weil sonst unsere Kinder oder die Altvögel erfrieren. Wir Kaiserpinguine leben in der Antarktis, dem lebensfeindlichsten Ort der Welt. Wir halten den übelsten Minusgraden und extrem hohen Windgeschwindigkeiten stand. Wir schaffen es meistens auch relativ gut durch, aber ganz sicher nicht, indem wir uns wie Pfaue benehmen.

Wären wir in den dunklen und eiskalten Momenten vor allem damit beschäftigt, unser Gegenüber abzuwerten, würden wir nie überleben. Wir würden unsere Kinder und unsere Alten vergessen, sie verlieren und nicht mitbekommen, wenn unser Nachbarpaar vor Hunger und Kälte fast stirbt. Das können wir uns gar nicht leisten. Den Luxus vom Geschnatter über unterschiedliche Lebens- oder Glaubensstile haben wir einfach nicht. Und um ehrlich zu sein, würde er uns auch gewaltig nerven, gerade in den harten Zeiten.

Wenn es hart auf hart kommt, geht es bei uns um das Überleben – bei manchen von euch übrigens auch – da wollen wir nicht hören, was an uns schlecht oder falsch und an anderen vermeintlich besser oder richtig ist, da sind wir beschäftigt mit der Suche nach Futter, nach Wärme. Da brauchen wir Hilfe, da brauchen wir Zusammenhalt. Wenn die Sonne sinkt und die Minusgrade steigen, dann schnattern wir nicht. Wir drängen uns ganz nah zusammen, ganz dicht aneinander, unser ganzes Volk. Wir “huddlen”, wir bilden also einen stehenden Kuschelhaufen aus Pinguinen. So spenden wir uns Wärme und vergessen einander nicht. Die Pinguine, die außen stehen und den eisigen Wind und die Kälte abfangen, kommen nach einiger Zeit ins Innere unserer Kuschelkugel, während aufgewärmte Pinguine dann nach außen wandern. Je intensiver wir kuscheln, desto länger halten wir später außen der Kälte stand. Keiner muss erfrieren, keiner kommt zu kurz und jeder muss mal an den Außenposten, um das Volk zu schützen. So überleben wir.

Also ja, irgendwie weiß ich nicht, warum ihr immer so viel redet.
Vielleicht könnt ihr uns ja aber etwas von eurem Schnatter-Luxus abgeben oder einfach mal den Schnabel halten?“

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